
Ferrari 12Cilindri im Test: eine Glanzleistung der Verbrennungsmotor-Technik
Sagen Sie „Ciao“ zum letzten V12 mit Frontmotor der italienischen Marke
- Text von: Rory FH Smith
Blättert man in Ferraris umfangreicher Chronik bis ins Jahr 1947 zurück, stößt man auf einen charmanten kleinen offenen Sportwagen namens 125 S – natürlich in Rot. Abgesehen von seiner Farbe und dem kleinen springenden Pferd vor gelbem Hintergrund an der Spitze der Motorhaube würde man kaum erkennen, dass es sich um einen Ferrari handelt – und noch weniger, dass er das allererste Straßenfahrzeug der Marke war. Seine hübschen kleinen Rundscheinwerfer und die zweckmäßig angeordneten Metallgitter an der Front könnten kaum weiter von den skulpturalen Karbonfaserelementen, messerscharfen Leuchten und aggressiven Lufteinlässen moderner Ferraris entfernt sein. Doch unter seiner eleganten Karosserie verbirgt sich etwas Bedeutendes: ein V12-Motor.
„Der Zwölfzylinder wird immer das ursprüngliche Ferrari-Auto bleiben ... alles andere ist eine Ableitung des ursprünglichen Modells“, erklärte Enzo Ferrari Jahre später in einem Interview. Dabei trug er seine charakteristische schwarze Persol-Sonnenbrille #2762, die bei öffentlichen Auftritten fast immer auf seiner Nase saß. Seit den späten 1940er-Jahren bildet der V12 das pulsierende Herz vieler Straßenfahrzeuge von Ferrari. Heute, in den letzten Tagen des Verbrennungsmotors, erweist Ferrari seinem legendären Triebwerk mit der Einführung des Ferrari Dodici Cilindri die ultimative Hommage – ganz einfach übersetzt: der Ferrari 12 Cylinder.
„Wir betrachten [den Motor] so sehr als das Herzstück des Autos, dass wir das Auto nach ihm benannt haben“, sagt Ferrari-Designchef Flavio Manzoni bei der Fahrzeugpremiere in Luxemburg. Es dürfte also nicht schwer zu erraten sein, was sich unter der Motorhaube seiner neuesten Kreation verbirgt.
Mit einem Motor, der direkt von dem des Sondermodells 812 Competizione abgeleitet wurde, wartet der 12 Cilindri mit einem stattlichen 6,5-Liter-Aggregat auf, das 818 PS leistet und bis zu 9.500 U/min dreht. Das ist weit entfernt vom 1,5-Liter-V12 des beherzten kleinen 125 S, der rund 116 PS leistete. Damit beschleunigt der 12 Cilindri in nur 2,9 Sekunden von 0 auf 60 mph und erreicht eine Supersportwagen-würdige Höchstgeschwindigkeit von 211 mph. Doch der 12 Cilindri ist kein Supersportwagen. Er sei „der vollkommenste Ferrari Gran Turismo aller Zeiten“, verkündet Manzoni.
Das ist ein wichtiger Unterschied in der hochgezüchteten Welt der neuen Ferrari-Modelle. Da der rasend schnelle SF90 dem 812 den Titel des schnellsten Ferrari abgenommen hat, muss sich der neue 12 Cilindri nicht mehr darum kümmern, bei den Autoquartett-Werten zu triumphieren. Wie Manzoni betont, kann er sich stattdessen ganz darauf konzentrieren, ein rundum gelungener Gran Turismo zu sein – und das gelingt ihm sowohl beim Fahren als auch optisch hervorragend.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass Ferrari sich bei der Gestaltung des 12 Cilindri von einigen der exzentrischeren Modelle aus seinem Archiv inspirieren ließ. Dabei dienten ausgefallene, keilförmige Konzeptfahrzeuge wie der Ferrari Modulo von 1970 ebenso als Vorbild wie die älteren, klassischer gezeichneten GT-Modelle der Marke. So verkörpert der 12 Cilindri den Geist von Fahrzeugen wie dem 250 GT Lusso, dem 275 GTB und dem 365 GTB „Daytona“, hebt sich jedoch durch einige futuristische Designakzente von ihnen ab.
Von geometrischen Formen und klaren, ununterbrochenen Flächen über V-förmig angeordnete Ebenen bis hin zum großzügigen Einsatz von Glas: Der 12 Cilindri bricht radikal mit dem Design seiner Vorgänger. Auch wenn sein Erscheinungsbild nach wie vor polarisiert, ist das in einer Zeit, in der Autos zunehmend eintönig und banal wirken, keineswegs schlecht.

Auf der Straße verbindet der 12 Cilindri hohen Komfort auf langen Strecken mit den markentypischen Werten und entfesselt bei Bedarf eine beeindruckende Leistung. Das Cockpit ist hell, luftig und komfortabel und bietet mit einem neuen 10,25-Zoll-Zentraldisplay Zugriff auf Navigation, Komfort- und Klimafunktionen.
Optional lässt sich außerdem ein 8,8-Zoll-Display für den Beifahrer konfigurieren, falls Sie Ihren Begleiter mit Informationen wie G-Kräften, Geschwindigkeit und Drehzahl beeindrucken, erschrecken oder vergraulen möchten (Unzutreffendes bitte streichen). Doch ganz im Sinne der Vorgaben liefert vor allem die Option auf Massagesitze samt „Soft“-Taste für mehr Fahrkomfort auf langen Autobahnstrecken den überzeugenden Beweis dafür, dass der neue 12 Cilindri kein kompromissloser Rennwagen ist.
Natürlich ist der 12 Cilindri nach wie vor rasend schnell – ein Erlebnis, das durch das Heulen des namensgebenden, frei saugenden V12-Motors unter der Fronthaube noch intensiver wird. Dennoch spult er auf einer Autobahnfahrt auch ganz entspannt Kilometer um Kilometer ab. Diesen Spagat meistern viele Autos nicht, doch dem 12 Cilindri gelingt er mit Bravour.

Dennoch gibt es einen Haken – und zwar einen, der fast 400.000 £ schwer ist: Die Preise für das Coupé beginnen bei 336.500 £, während der sechs Monate später erscheinende Spider ab 366.500 £ kostet. Und dabei ist die schier endlose Aufpreisliste noch gar nicht berücksichtigt. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Ferrari die Preise seiner Fahrzeuge kontinuierlich nach oben treibt – ganz im Einklang mit vielen seiner Wettbewerber in der exklusiven Welt straßenzugelassener Luxus- und Hochleistungsfahrzeuge.
Natürlich wird der 12 Cilindri problemlos Käufer finden – nicht zuletzt, weil er die jüngste Generation in einer langen Reihe legendärer Ferrari-GT-Flaggschiffe ist, sondern auch, weil er einen der letzten Abschiede von einer wahrhaft ikonischen Meisterleistung des Verbrennungsmotorenbaus markiert.
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