
Führungslektionen mit William Lauder
Während KI die Arbeitswelt neu gestaltet und traditionelle Karrierewege verschwinden, erklärt William P. Lauder, Chairman von Estée Lauder, warum Neugier, Präsenz und Werte nach wie vor die wirkungsvollsten Instrumente moderner Führung sind.
- Text von: Rory FH Smith
Sich heutzutage als Nachwuchshoffnung in der Unternehmenswelt zu behaupten, ist nicht leicht. Wenn der Umstieg auf mobiles Arbeiten nicht bereits Ihre Möglichkeiten eingeschränkt hat, vom informellen Plausch am Wasserspender zu profitieren, dann hat die KI wahrscheinlich einige der eher lästigen Aufgaben übernommen, die Berufseinsteiger im Büro so gar nicht mögen. Doch William P. Lauder — Vorsitzender des Verwaltungsrats des Kosmetikimperiums Estée Lauder — kennt die Lösung. „Seien Sie präsent und neugierig“, sagt er.
Der 65-Jährige unterrichtet inzwischen im 14. Jahr an der Wharton School der University of Pennsylvania. Dort hat er im Rahmen seines Kurses „Decision Making in the Leadership Chair“ und des William P Lauder Leadership Fellows Programme mehr als 700 MBA-Studierende betreut. Kurz gesagt: Er hat der nächsten Generation von Führungskräften gezeigt und sie dazu beraten, wie sie sich in der gnadenlosen Ellenbogengesellschaft der Unternehmenswelt einen Vorteil verschaffen können – doch dazu später mehr. Für Lauder waren die Rollen nicht immer so verteilt. Lauder wuchs in den besseren Kreisen von New York City auf und „hatte das Privileg, [seine] Eltern gut auszuwählen“, sagt er lächelnd im Büro der Londoner Organisation Future Dreams. Deren Gebäude steht in Verbindung mit der Breast Cancer Research Foundation – einer von seiner Mutter gegründeten Wohltätigkeitsorganisation, deren Vorstand Lauder heute gemeinsam leitet.
„Ich kam schon früh sowohl mit der Kosmetikbranche in Berührung, weil sie unser Familiengeschäft war, als auch mit Gesprächen über geschäftliche Themen“, sagt er. „Bei vielen Gesprächen am Esstisch ging es um das Familienunternehmen.“
Als Enkel von Estée und Joseph Lauder, den Gründern des 1946 ins Leben gerufenen und nach ihnen benannten Kosmetikimperiums, erlebte er mit, wie das Unternehmen zu einem Konzernriesen heranwuchs. Heute umfasst es mehr als 20 Marken, die seit fast 80 Jahren Generationen von Kundinnen und Kunden begleiten.
Für Lauder ist es schwer zu sagen, wo sich Geschäfts- und Familienkultur vermischen, doch genau das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.
Nach dem College in New York entzog er sich zunächst den Fängen des Familienunternehmens und machte während seiner Zeit an der Wharton School die „Neugier“ zu seinem Kompass fürs Leben. Mit 20 Jahren packte er im Rahmen seines Studiums seine Koffer und machte sich auf den Weg nach Grenoble in den französischen Alpen. „Es lag in der Nähe von Skigebieten, und ich fuhr gern Ski“, erinnert er sich. „Außerdem wollte ich etwas anderes erleben, weil ich wusste, dass ich für den Rest meines Lebens nach Paris zurückkehren würde.“
Nach seinem Abschluss begann er für Donald Regan zu arbeiten, den damaligen Finanzminister unter Präsident Ronald Reagan. „Ich war überwältigt davon, wie viel Verantwortung ich schon in sehr jungen Jahren, Anfang 20, trug“, räumt Lauder ein. Obwohl er sich mit allem Möglichen befasste – von politischen Fragen über die Verbesserung des Systems zur Scheckverarbeitung der US-Steuerbehörde IRS bis hin zur Ausarbeitung des Positionspapiers des Finanzministeriums zum Pipeline-Abkommen der Sowjetunion mit Deutschland –, war die Politik nichts für Lauder. Es war an der Zeit, ins Familienunternehmen einzusteigen. Fast.
„Ich beschloss, auszuprobieren, wie das Leben im Einzelhandel sein würde“, sagt er über seine dreijährige Tätigkeit bei der US-amerikanischen Kaufhauskette Macy’s, wo er an der Eröffnung der ersten Filiale in Dallas, Texas, mitwirkte. Während Lauder wertvolle Erfahrungen auf der Verkaufsfläche sammelte und zugleich in eine andere Kultur eintauchte, eignete er sich grundlegende Fähigkeiten in den Bereichen Führung, Problemlösung und Anpassung an neue Herausforderungen an – Kompetenzen, die ihm in der Position zugutekommen sollten, auf die er gewartet hatte.
1986 trat Lauder schließlich in den Kosmetikkonzern seiner Familie ein. Zunächst arbeitete er für Clinique in den USA, bevor er 1990 die innovative Marke Origins gründete, die auf natürliche Inhaltsstoffe setzte. 2004 übernahm er als CEO die Führung des Unternehmens und leitete es bis 2009. „Es war eine fünfjährige Haftstrafe“, sagt er und erklärt, dass seine Zeit an der Spitze vor allem von der Auseinandersetzung mit den Sarbanes-Oxley-Gesetzen geprägt war, die nach Bilanzskandalen bei Unternehmen wie Enron und WorldCom eingeführt worden waren. „Am einfachsten lässt es sich so beschreiben: Als CEO oder CFO galt man als schuldig, bis die eigene Unschuld bewiesen war.“
Nach 2009 wechselte Lauder in die Position des Vorstandsvorsitzenden und interessierte sich zunehmend für die Rolle von Unternehmenswerten. „Ich bin fest von dem Ausspruch ‚Werte verspeisen die Strategie zum Frühstück‘ überzeugt. In einem globalen Unternehmen werden jeden Tag rund um die Uhr Tausende von Entscheidungen getroffen. Und dabei sollte man sich danach richten, was richtig ist, und nicht danach, ob etwas Teil der Strategie ist oder nicht.“
Doch Lauders Interesse an Werten, das auf dem Fundament einer langjährigen Karriere in der Wirtschaft beruhte, war nicht nur eine kurzfristige Obsession. Diese „Mission“, wie er sie nennt, führte ihn geradewegs zu einer Laufbahn im Bildungswesen und in der Philanthropie.
„Ich finde, dass Menschen wie ich mit grauen Haaren viel von Menschen Mitte bis Ende 20 lernen, weil sie mit einer anderen Denkweise aufgewachsen sind“, verrät er über seine Zeit als Mentor für Hunderte von Studierenden an der Wharton School.
Einst ein Unternehmenslenker von höchstem Rang, konzentriert sich Lauder heute sowohl im Familienunternehmen als auch bei der Breast Cancer Research Foundation stärker auf philanthropisches Engagement als auf Gewinn. „Ich halte es für wichtig, dass wir einen Weg finden, sowohl als Organisation als auch als Teil der Gesellschaft das Leben der Menschen positiv zu verändern“, erklärt er.
„Wenn Menschen mit ihrer Rolle und der Wirkung, die sie erzielen, zufrieden sind, entsteht daraus ein positiver Kreislauf, durch den sie zu verantwortungsbewussteren Mitgliedern der Gesellschaft werden. Darauf verwende ich heutzutage einen Großteil meiner Zeit.“
Entdecken Sie weitere Einblicke in das Thema Führung vom Tech-Visionär Larry Ellison

