
Verkostungsnotizen: Wie Max Richter Krug-Champagner in wunderschöne Musik verwandelte
Eine bemerkenswerte neue Zusammenarbeit will die klangliche Erhabenheit des Jahrgangs 2008 einfangen
- Text von: Joseph Bullmore
- Fotografie: Krug
Wie klingt guter Champagner? Nicht das Knallen des Korkens (obwohl es wohl kaum einen schöneren Vorboten guter Zeiten gibt). Auch nicht das Prickeln des Schaums oder das stetige Perlen der Bläschen. Sondern am Gaumen, im Stirnlappen. „Kommt schnell, ich schmecke Sterne“, war die treffendste Beschreibung, die einem seiner Schöpfer für den unverwechselbaren Geschmack des Champagners, seine sinnliche Essenz, einfiel – und damit nicht zuletzt ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, das Unbeschreibliche zu beschreiben.

Three distinct expressions from a remarkable year, each interpreted through both wine and music.
Max Richter ist für diese Herausforderung besser gerüstet als die meisten anderen. Mit mehr als 14 Studioalben und zahllosen Filmmusiken für Kino und Fernsehen (hätte Hamnet ohne Richters Streicher dieselbe eindringliche Schönheit entfaltet?) hat er dem facettenreichen Spektrum menschlicher Erfahrungen einen Klang verliehen. Nun hat er in Zusammenarbeit mit Krug eine Reihe von Werken veröffentlicht, die auf ihre Weise versuchen, die Essenz dreier besonderer Champagner-Cuvées aus ein und demselben Jahr einzufangen: Krug Clos d’Ambonnay 2008, Krug 2008 und Krug Grand Cuvée 164ème. Schließlich war dies ein Jahr, in dem „die Lese als außergewöhnlich beschrieben wurde und das als eines der letzten wahrhaft klassischen Jahre mit nördlichem Klima gilt – geprägt von kühlen Bedingungen, ausgewogenen Kontrasten und einer gleichmäßigen Reifung“, so Krugs Kellermeisterin Julie Cavil. Es sei ein Jahrgang, der modern und zeitgemäß und zugleich von zeitlosem Klassizismus erfüllt sei. Eine Beschreibung, die, wie es der Zufall will, auch Richters eigenes Talent perfekt charakterisieren könnte.

Doch wie begann dieser Prozess? Wie werden aus Verkostungsnotizen musikalische Noten? Richter begann seinen kreativen Prozess, wie er sagt, in den Weinbergen und Kellern. „In gewisser Weise gab es einen großen Erfahrungsschatz, aus dem ich schöpfen konnte.“ Der Kompositionsprozess sei gewesen, als würde man sich „einen parallelen Text“ vorstellen. Etwas, das die Champagner nicht einfach nur „beschreibt“, sondern sich „auch so anfühlt wie sie“, sagt er. „Es ist eine multisensorische Angelegenheit. Es geht um das Licht, um die Textur; um die Zeit, die Erde, den Wind, die Temperatur an jenem Tag; aber auch um Geschichte, Kultur, Menschen und ihre Absichten.“ Vielleicht ein gewaltiges Zusammenpressen und Verschmelzen verschiedener Elemente und Einflüsse – wie reife, von Sonnenlicht und Zucker erfüllte Trauben, die für die Gärung gepresst werden. Natürlich ließ Richter auch seine eigenen Erinnerungen an Krug in die Mischung einfließen. Es ist sein Lieblingschampagner, und er scherzt, alle seine Kinder seien „Krug-Babys“ gewesen.

Max Richter and Krug Cellar Master Julie Cavil in the vineyards, where the creative process first took shape.
Die Verschmelzung so vieler unterschiedlicher Elemente ist zweifellos eine komplexe Aufgabe. „Wie bei allen kreativen Dingen ist es ziemlich schwer, darüber zu sprechen“, sagt Richter. „Wissen Sie, wir machen es einfach irgendwie und fühlen es.“ Am besten lässt sich der Prozess für den Komponisten offenbar so beschreiben: Er trägt ein bestimmtes Gefühl in sich – und komponiert sich dann darauf zu. Wenn er spürt, dass das Werk ihn von diesem Gefühl wegführt, verwirft er es. Bringt es ihn dem Gefühl näher, behält er es bei und vertieft diesen Ansatz. Natürlich ist dies ein kreativer Akt, der Zeit braucht. Und genau hier erweisen sich die Parallelen zum Champagner als besonders hilfreich.

„In den dortigen Kellern lagern Flaschen, die Hunderte von Jahren alt sind“, sagt Richter über das historische Haus Krug. „Als kulturelle Praxis ist [die Weinherstellung] Ausdruck dessen, was Menschen an einem bestimmten Ort über lange Zeit hinweg tun. Sie verfolgen dabei ganz konkrete Ziele. Es ist teils Wissenschaft, teils Kunst. Doch es liegt auch eine Art Klassizismus darin.“ Wie der Weinbau, so Richter, seien auch „musikalische Sprachen etwas, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat“. Mozart mag denselben Akkord verwendet haben wie Richter, doch durch die dazwischenliegenden Jahre – das gemeinsame kulturelle Gedächtnis und den größeren Kontext – kann er anders wirken, wenn er 2026 eingespielt wird. Das gilt auch für die Weinherstellung. Jahrgänge entwickeln sich unter der Erde und in der Flasche, ja – aber auch im Verhältnis zu dem, was ihnen vorausgeht und nachfolgt, sowie zu den wechselnden Sinneseindrücken und Momenten, in denen sie getrunken werden.
Centuries of craftsmanship underpin the character of each Krug cuvée.
Wie also klingt Krugs besonderer Jahrgang 2008? Es wäre natürlich vermessen, ihn hier mit einem so stumpfen Werkzeug wie bloßen Worten beschreiben zu wollen. (Kommt schnell! Ich schreibe Champagner!) Doch es lohnt sich festzuhalten, dass Richters Musik ebenso eindrucksvoll, unmittelbar, unausweichlich und einnehmend ist wie der Wein selbst. Und wie der Wein braucht sie weder viel Kontext noch Vorwissen oder intellektuelle Deutung, um wirklich lebendig zu werden und für den Einzelnen etwas zu bedeuten. In diesem Sinne ist sie beinahe schlicht, wie es die schönsten Dinge oft sind. Das heißt jedoch nicht, dass sie einfach ist – und das sollten wir auch gar nicht wollen. Denn wie Cavil abschließend feststellt: „Nichts ist komplexer, als Dinge mühelos erscheinen zu lassen.“



