
„Après-Ski“ ist ein irreführender Begriff, eine völlig verdrehte Fehlbezeichnung. Denn die Party ist natürlich nicht das Après-Ski. Das Skifahren ist lediglich die Avant-Party. Die Zeit auf der Piste ist bloß die Buße für die vergangene Nacht oder den bevorstehenden Abend. Sie liefert die glaubhafte Abstreitbarkeit, die all das Fondue und den Braulio legitimiert. Der Wintersport ist lediglich der große kosmische Blini. Der Spaß drumherum ist der üppige, berauschende Kaviar. Doch zusammen bilden sie die perfekte Kombination, das große alpine Yin und Yang. Kalte, frische Bergluft, perfekt neutralisiert durch 20 Camel Blues. Dröhnende Kopfschmerzen, vom reinen, frisch gefallenen Schnee wunderbar ausgeglichen. Am achten Tag der Reise erschuf Gott den Kater. Am neunten erfand er die schwarze Piste. Hier also sind die fünf großen Kathedralen im Himmel – die besten und legendärsten alpinen Nachtclubs, die der Mensch kennt. Und die Frau. Und tatsächlich ziemlich oft auch das Kind – je nachdem, wie überzeugend der Ausweis des älteren Bruders ist und ob der Besitzer die Mutter noch aus den Siebzigern kennt. Wie geht es ihr eigentlich?
FARM CLUB, VERBIER
- Gegründet: 1971
- Adresse: Route de Verbier Station 55,
- 1936 Verbier, Schweiz
- Zutritt: Für alle, die bereit sind, Schlange zu stehen, und für diejenigen, die das nicht nötig haben
Der Farm Club wurde 1971 von den italienischen Brüdern Serafino und Giuseppe Bernadi gegründet. Doch wirklich bekannt wurde er Anfang der 1980er-Jahre durch den Motorsport-Playboy und Verbier-Hohepriester Paddy McNally und seine illustre britisch-europäische Entourage. Bis heute reserviert The Farm – man sollte den Namen wohl so aussprechen, als spräche man von seinem eigenen Landsitz, vielleicht irgendwo in Shropshire – jeden Abend einen Tisch für McNally, direkt unterhalb der DJ-Kanzel. Die Nähe zu diesem Hochsitz bestimmt seit Langem die gesellschaftliche Rangordnung des Lokals. Damals waren Fergie (McNallys einstige Freundin) und Stéphanie von Monaco ebenso häufig zu Gast wie Jamie Blandford und Konsorten, und die Stammgäste hatten hinter der Bar ihre eigenen Wodkaflaschen deponiert, mit Filzstift mit ihren Initialen versehen. (Heute ist Tischservice natürlich Standard.) Ausgelassenes Benehmen wurde oft ausdrücklich gefördert. „Das hier ist keine Kirche – es ist ein Club“, pflegten die Bernadis zu sagen. (In Geist und Seele steht der Farm Club vielleicht seit jeher dem ursprünglichen Tramp nahe – sowohl was sein Publikum als auch seine abgeschiedene Ausgelassenheit betrifft.) Wie schon am allerersten Abend des Clubs erklingt auch heute noch „New York, New York“, um das Ende der Nacht in The Farm einzuläuten, meist gegen vier Uhr morgens – sodass viele von dort direkt zum Frühstück und anschließend auf die Piste gehen.
DRACULA’S, ST. MORITZ
- Gegründet: 1974
- Adresse: Via Foppas, Plazza Gunter Sachs,
- 7500 St. Moritz, Schweiz
- Zutritt: Nur für Mitglieder und deren Gäste
Ich habe ein altes Plakat, die Reproduktion einer Einladung zu einer Party im Drac’s aus den 1970er-Jahren, als der König von St. Moritz, Gunter Sachs, auf dem Höhepunkt seiner Zeit als Rennfahrer mit Supersportwagen auf dem zugefrorenen See war. Darauf steht: „Eine Nacht der Verdammnis. Kleidung: entsprechend.“ Das gefällt mir. Lässig-diabolisch. Hörner und Sakkos. Tief im Innersten des Hotels Kulm gelegen, ist der Club ein Geschwister des St Moritz Toboggan Club und seines Schlüsselbeine sammelnden Cresta Run – hier wird also viel mit Armschlingen getanzt. (Sein vollständiger Name lautet Dracula’s Ghost Riders Club.) Auf der Website des Kulm wird der Nachtclub laut deren Autor Konstanin Arnold als „ein Ort, an dem sehr berühmte Menschen wieder ganz normale Menschen sein können, befreit von der Last ihrer eigenen Legenden“ beschrieben. „Sie haben immer noch ihre Schwächen, Eskapaden und schlechten Tage, und sie wollen sogar rauchen, obwohl sie Amerikaner sind.“ Neulinge werden ermuntert, sich von einem hohen Kaminsims rückwärts in die Arme anderer fallen zu lassen. „Wenn Sie an einem Kronleuchter schwingen wollen, dann schwingen Sie an einem Kronleuchter“, sagt Rolf Sachs, Gunters Sohn und heutiger Impresario. „Selbst wenn Sie dafür jeden Tag den Elektriker rufen müssen.“ Doch allzu wilde Auswüchse werden durch die mondäne Eleganz des Ortes geglättet – keine Fotos, Tische im Kerzenschein und eine erfreuliche Altersspanne von 18 bis 80, die einem durchaus Hoffnung macht.
CASA ANTICA, KLOSTERS
- Gegründet: 1959
- Adresse: Landstrasse 176, 7250
- Klosters-Serneus, Schweiz
- Zugang: Grundsätzlich für fast alle. Es ist recht unkompliziert.
In Klosters gibt es nur einen Nachtclub. Aber selbst wenn es noch andere gäbe, wäre das Casa Antica immer noch der einzig wahre. Der Name bedeutet „Das alte Haus“, und das Lokal gibt es seit 1959 – aus einer Zeit, als Klosters eine Art Hollywood in den Bergen war und David Niven, Vivien Leigh, Peter Sellers, Truman Capote, Orson Welles, Julie Andrews, Gene Kelly, Audrey Hepburn und Greta Garbo zu den Stammgästen zählten. Die Vorläuferinnen der Manhattaner It-Girls, Marisa und Berry Berenson, legten dort in den Siebzigern als DJs auf. Anjelica Huston lernte in den Achtzigern auf der Tanzfläche ihren Freund Arnaud de Rosnay kennen – den Fotografen, Abenteurer, französischen Aristokraten und Langstrecken-Windsurfer, der später in der Taiwanstraße verschwand. So ein Ort ist das. Der Club befindet sich in einem Alpenhaus mit Hirschköpfen an den Wänden und ist seit jeher eng mit dem Chesa Grischuna verbunden, dem beliebtesten Hotel in Klosters. Dort wird in einem alten Gästebucheintrag unser heutiger König erwähnt: „Der Prinz isst in einem der günstigsten Lokale der Gegend zu Mittag. Er tanzte im Casa Antica … leiht sich Skier, die er selbst trägt, und fährt im Sportzug ausnahmslos zweiter Klasse.“ Auch die Prinzen William und Harry sollen hier schon das Tanzbein geschwungen haben – nicht, dass das interessant wäre. Und Nicky Haslam war im Laufe der Jahre so oft zu Gast, dass er den Laden inzwischen vermutlich für gewöhnlich hält.
GREENGO, GSTAAD
- Gegründet: 1971
- Adresse: Palacestrasse 28, 3780 Gstaad, Schweiz
- Zutritt: Besucher, Gäste und Mitglieder (nur auf Empfehlung)
Als das Palace Hotel in Gstaad 1928 ein Freibad eröffnete, ließ es Sand von der Côte d’Azur heranschaffen, um für seine dem Jetset angehörende, Riviera-begeisterte Klientel einen einladenden, heimeligen Strand anzulegen. Fast hundert Jahre später ist der Ort noch immer eine Bastion wohliger Verwöhnung – nicht zuletzt dank des GreenGo, des beliebten Nachtclubs in den Tiefen des Hotels, dessen Tanzfläche über dem Pool schwebt. Der Tradition nach springen die Absolventen von Le Rosey während ihres letzten Wintertrimesters vollständig bekleidet mit einer Arschbombe in den Pool. An einem Silvesterabend sprang der LSD-Popularisierer Timothy Leary hinein und blieb etwas zu lange unter Wasser: Ein Kellner sprang hinterher, um ihn zu retten. Nicholas Foulkes beschrieb den 1971 gegründeten Club als „das Annabel’s der Alpen, das Studio 54 der Region Saanen“. Taki Theodoracopulos, langjähriger Einwohner Gstaads, widerspricht: „Es war nie wie das Studio“, schrieb er 2006 in Gstaad Life, „aber ein paar Glückliche hatten dort einen oder zwei Quickies, wenn Romano gerade nicht hinsah …“ Der langjährige Maître d’ Gildo Bocchini erinnert sich: „Peter Sellers trank viel, also musste ich ihn auf sein Zimmer bringen, ihn beinahe tragen.“ Sellers drehte einen Teil des Films The Return Of The Pink Panther von 1975 in dem Club. Heute herrscht dort eine Art heitere europäische Retro-Stimmung, bei der Loro Piana den Ton angibt.


