
Wie Brioni die klassische Schneiderkunst neu definierte
Vom Rom der Nachkriegszeit bis zum 007-Franchise: So prägte das italienische Modehaus die Schneiderkunst mit handwerklichem Können, Innovation und filmreifem Stil neu …
- Text von: Jonathan Wells
Der Name ist Brioni. Kühn, elegant, oft gerührt – aber niemals geschüttelt. 1995 lieferte das italienische Atelier mehrere handgefertigte Anzüge an Pierce Brosnan für seinen ersten Bond-Film GoldenEye. Kostümbildnerin Lindy Hemming – die sich wegen der seltenen Verbindung aus italienischer Opulenz und der Disziplin der Savile Row für die Marke entschieden hatte – erzählte später The Washington Post, dass nur fünf davon unversehrt geblieben seien. „Der Rest […] war völlig ruiniert“, sagte sie.
Eine Tragödie für die Schneiderkunst vielleicht, aber nicht genug, um 007 von der Marke abzubringen. Brosnan setzte während seiner gesamten Zeit als Superspion weiterhin auf das Label, und selbst Daniel Craig blieb Brioni für jenen Film treu, der Bond – in fast jeder anderen Hinsicht – neu erfand: Casino Royale. Doch dieser Film entstand lange nachdem die Marke ihr erstes Blatt ausgespielt hatte – mehr als 60 Jahre zuvor in Rom.

Nazareno Fonticoli and Gaetano Savini

The first Brioni store, on Via Barberini
Die Geschichte von Brioni begann 1945, als der Schneider Nazareno Fonticoli und sein Geschäftspartner Gaetano Savini in der traditionsreichen Via Barberini in der italienischen Hauptstadt eine Herrenmodeboutique eröffneten. Auf der Suche nach einem Namen, der Eleganz und Exklusivität ausstrahlte, entschieden sie sich für Brioni – eine Anspielung auf die Brijuni-Inseln, einen nahe gelegenen Treffpunkt des Jetsets in der Adria.
Der Erfolg stellte sich rasch ein. Mit maßgeschneiderter Kleidung, handgefertigten Schuhen und Accessoires aus edelsten Materialien zog Brioni Aristokraten, Diplomaten, Geschäftsreisende und anspruchsvolle Einheimische gleichermaßen an. 1952 ließ das Modehaus sein erstes Logo als Marke eintragen: die Silhouette eines Polospielers – mehr als ein Jahrzehnt, bevor Ralph Lauren dasselbe tat.
Doch das war erst der Anfang. Im Juli desselben Jahres veranstaltete Brioni in der prachtvollen Sala Bianca des Palazzo Pitti in Florenz die weltweit erste Herrenmodenschau. Der charismatische Markenmanager Angelo Vittucci präsentierte mehr als zwei Dutzend Looks – eine Parade aus satten Farben, luxuriösen Stoffen und modernen Silhouetten mit fließendem Fall und weich geformten Schultern. Die steifen, kastigen Anzüge der Kriegszeit hatten ausgedient; eine neue Vision europäischer Eleganz war geboren.

Angelo Vittucci at the first men's fashion show
Die Amerikaner im Publikum waren begeistert und nahmen Brionis Entwürfe mit über den Atlantik nach Hause. Schon bald folgte Hollywood: Ikonen und Actionstars wie John Wayne, Gary Cooper, Clark Gable und Henry Fonda begeisterten sich für die Marke – die Brosnans ihrer Zeit, die italienische Eleganz auf Studiogelände, in Luxushotels und zu Filmpremieren in aller Welt brachten.
1955 hatten Fonticoli und Savini ihre eigene „Grand Tour“ begonnen: eine Reihe weltweiter Trunk Shows, bei denen potenzielle Kunden die Handwerkskunst von Brioni aus nächster Nähe erleben konnten. Wie schon die wegweisende Florentiner Modenschau zuvor war auch dies eine Premiere – und definierte neu, wie Männer mit luxuriöser Schneiderkunst in Berührung kamen und sie erlebten. (Anlässlich seines 75-jährigen Jubiläums im Jahr 2020 ließ Brioni diese historischen Reisekoffer wieder aufleben.)
Die 1950er-Jahre waren für Brioni eine aufregende Zeit. Als sich das Jahrzehnt dem Ende zuneigte, eröffnete das Haus in der abruzzesischen Stadt Penne eine Werkstatt, um mit der rasant wachsenden weltweiten Nachfrage Schritt zu halten. Von diesem Standort aus revolutionierte Brioni die Methoden der Luxusschneiderei – und steigerte die Produktion, ohne dabei Abstriche bei der für die Marke charakteristischen Qualität und handwerklichen Anmutung zu machen.

A Brioni tuxedo sketch from 1958
In den 1960er- und 1970er-Jahren behauptete Brioni nicht nur seine starke Position in der amerikanischen Herrenmode, sondern avancierte auch in Italien selbst zum Marktführer. In den 1980er-Jahren gründete das Modehaus in Penne die Scuola di Alta Sartoria, die als eine der renommiertesten Schneiderschulen Italiens gilt. Und als die 1990er-Jahre anbrachen, war das Label längst zum Inbegriff meisterhaft geschneiderter Mode für den roten Teppich geworden.
Kein Wunder – ob Meisterschneider oder Filmstars, Kreative erkennen herausragende Handwerkskunst auf den ersten Blick. Und Brioni-Anzüge sind der Inbegriff dieses Könnens: Jeder einzelne wird nach der einzigartigen Brioni-Methode gefertigt – in einem aufwendigen Prozess aus 220 Arbeitsschritten, 7.000 unsichtbaren Stichen und mehr als 24 Stunden akribischer Handarbeit. Diese Liebe zum Detail überzeugt selbst die anspruchsvollsten Stars immer wieder. Auch heute noch tragen Tom Cruise, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio Brioni auf dem roten Teppich – und sogar Pierce Brosnan, obwohl er seine Doppelnull-Lizenz bereits vor zwei Jahrzehnten abgegeben hat.

Pierce Brosnan in The World is Not Enough (1999)

Daniel Craig in Casino Royale (2006)
Doch die Verbindung zu Bond bleibt Brionis filmreifste Referenz. Und so wie „Casino Royale“ Bond für eine neue Generation neu erfand, hat auch Brioni die Codes der Herrenschneiderei immer wieder neu definiert – von wegweisenden Herrenmodenschauen bis hin zu seinen meisterhaft inszenierten, weltweit tourenden Trunk Shows.
Denn ob auf dem roten Teppich oder am Spieltisch mit hohen Einsätzen – Brioni wusste schon immer, wie man das Spiel spielt und gewinnt.
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