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Die lange, erhabene Geschichte des Zylinders

Die lange, erhabene Geschichte des Zylinders

Elegant, exzentrisch und von unzähligen Mythen umrankt – so wurde der Zylinder vom unverzichtbaren Accessoire der Aristokratie zur zeremoniellen Rarität …

Die Geschichte des Zylinders steckt passenderweise voller haarsträubender Geschichten. Wurde er vielleicht vom Londoner Hutmacher John Hetherington erfunden, der 1797 angeblich einen Aufruhr auslöste, als er mit einem so hohen und glänzenden Hut durch die Hauptstadt schritt, dass Frauen in Ohnmacht fielen, Kinder schrien und Passanten sich Knochenbrüche zuzogen? Wahrscheinlich nicht.

Oder beginnt die Geschichte ein Jahr früher, als der französische Satiriker Carle Vernet das Bild „Un Incroyable“ malte, auf dem ein Dandy mit einer verblüffend ähnlichen Kopfbedeckung zu sehen ist? Auch das scheint ziemlich unwahrscheinlich. Natürlich gibt es da noch die Schornsteintheorie: Demnach wurde die starre, aufrechte Form des Hutes von den vielen Ofenrohren inspiriert, die aus den Dächern Londons ragten.

Das sind alles reizvolle Erklärungen: überzeugend, farbenfroh und einem Kopfschmuck, der das 19. Jahrhundert – und die Zeit darüber hinaus – überragen sollte, vollkommen angemessen. Das Problem ist nur, dass sich keine davon beweisen lässt. Doch damit bleibt uns eine durchaus reizvolle Möglichkeit: Vielleicht übertrifft die Wahrheit sie alle. Folgendes wissen wir tatsächlich

Im späten 18. Jahrhundert nimmt der Zylinder Gestalt an

Der früheste eindeutige Beleg für das, was wir heute als Seidenzylinder bezeichnen würden, stammt aus dem Jahr 1793, als der Hutmacher George Dunnage aus Middlesex eine neuartige Kopfbedeckung vorstellte. Doch Zylinder wurde sie damals noch nicht genannt. Stattdessen bevorzugte man im Handel die deutlich weniger glamouröse Bezeichnung „Biberimitat“ – ein unverhohlener Verweis auf die rundkronigen, gefilzten Hüte aus Biberfell, die sie ersetzen sollte.

Dunnage, der dank der Verbindungen seiner Familie zum Bänderhandel Zugang zu Seide hatte, arbeitete bei Dunnage & Larkin mit Thomas Larkin zusammen und fertigte seine frühen Modelle aus Seidenplüsch. Anfangs erkannten nur wenige die Bedeutung des Hutes, doch die wesentlichen Merkmale waren bereits vorhanden: Seide statt Fell, eine hohe Krone und eine markantere, elegantere Silhouette.

Natürlich hatte der Zylinder damals noch nicht den Namen erhalten, unter dem er in die Geschichte eingehen sollte (zeitweise war auch „hoher Hut“ im Gespräch), doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts war seine unverwechselbare Silhouette immer häufiger zu sehen.

Im 19. Jahrhundert wird der Zylinder zum Hut für die breite Masse

Isambard Kingdom Brunel (centre)

Abraham Lincoln

In den 1820er-Jahren nahm das Design allmählich extreme Formen an. Höhere, steifere Varianten erhielten den Spitznamen „Ofenrohrhüte“, und was einst ein fester Bestandteil aristokratischer Garderobe gewesen war, fand zunehmend weitere Verbreitung.

Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte die zunehmende Industrialisierung der Hutmacherei in Großbritannien die massenhafte Herstellung seidener Zylinder. So hielten sie Einzug in die Garderoben der Mittelschicht und wurden immer allgegenwärtiger. Ian Harding, Leiter für zeremonielle und militärische Kopfbedeckungen bei Herbert Johnson, erklärt: „Historisch gesehen entwickelten sich Zylinder im Laufe des 19. Jahrhunderts erheblich weiter“, wobei frühere Exemplare in Höhe und Form variierten.

Etwa zur gleichen Zeit erhielt der Hut eine deutlichere Symbolik. Isambard Kingdom Brunel ließ sich vor seinen zahlreichen beeindruckenden Ingenieurbauwerken nur selten ohne einen solchen Hut fotografieren, während Abraham Lincolns hoher schwarzer Seidenhut in den 1860er-Jahren dessen Status als Zeichen von Autorität festigte — ein Hut, der die Ernsthaftigkeit seines Trägers signalisierte, noch bevor dieser auch nur ein Wort gesagt hatte.

Selbst um das Handwerk rankten sich allmählich gewisse Legenden. „Der Prince of Wales ritt einst durch den Park, als ihm eine Windböe den Zylinder vom Kopf wehte, der beim Aufprall beschädigt wurde“, erzählt Harding. „Der junge Herbert Johnson war zufällig in der Nähe, hob den Hut auf und bot an, ihn zu reparieren. Die Arbeit wurde so hervorragend ausgeführt, dass der Prinz tief beeindruckt war. Der Geschichte zufolge ermutigte er Herbert Johnson daraufhin, 1889 sein eigenes Geschäft in der New Bond Street zu eröffnen.“

Mehr als nur Mode: Der Zylinder wird zum Theater

Nachdem der Zylinder kulturelle Bedeutung erlangt hatte, begann für ihn ein zweites Leben – als Requisit für allerlei Erfindungen. In politischen Karikaturen wie auch in der allgemeinen Vorstellung wurde er zu einem praktischen Versteck: Politiker konnten darin geheime Papiere verstauen, Glücksspieler Karten verbergen und Zauberer ein ahnungsloses Kaninchen daraus hervorholen.

„Zylinder entwickelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts erheblich weiter …“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war er nicht mehr nur ein Hut, sondern auch ein Bühnenrequisit – weiterentwickelt durch zusammenklappbare Modelle wie den Gibus oder Opernhut, der sich flach zusammenlegen und nach Belieben wieder aufspringen ließ.

Mit der Jahrhundertwende tritt der Zylinder in den Hintergrund

In den 1890er-Jahren begann der Zylinder aus dem Alltag in Großbritannien und Europa zu verschwinden und wurde allmählich von der Melone verdrängt – einem praktischeren Begleiter für das moderne Stadtleben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb er formellen Anlässen vorbehalten: Hochzeiten, Beerdigungen und den letzten Überbleibseln öffentlichen Prunks und Zeremoniells.

In der Populärkultur blieb er präsent — auf der Bühne, im frühen Kino und sogar auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von The New Yorker —, allerdings zunehmend als Symbol und nicht mehr als Alltagsgegenstand. Mit dem Rückgang des Tragens formeller Hüte im Laufe des vergangenen Jahrhunderts sind auch viele traditionsreiche Hersteller verschwunden. Ian Harding von Swaine London — dem heutigen Hüter des Erbes von Herbert Johnson — merkt an, dass das Design zwar weitgehend unverändert geblieben sei, die eigentliche Arbeit jedoch in seiner Bewahrung bestanden habe.

„Obwohl das grundlegende Design des Zylinders bemerkenswert unverändert geblieben ist, sehen wir unseren größten Beitrag darin, das Handwerk selbst bewahrt zu haben“, sagt er. „Im Laufe des 20. Jahrhunderts ging das Tragen formeller Hüte deutlich zurück, und viele traditionsreiche Hutmacher verschwanden. Wir stellten weiterhin traditionelle Zylinder her und sorgten so dafür, dass die besonderen Fertigkeiten, Techniken und Standards der britischen Hutmacherkunst weitergegeben und bewahrt wurden.“

Wo der Zylinder heute seinen Platz hat

Auch wenn der Zylinder weitgehend aus dem Alltag verschwunden ist, hat er sich nicht völlig verabschiedet. Stattdessen hat er eine kleinere Nische gefunden: die elegantesten Anlässe.

Und die wichtigste dieser Gelegenheiten? Royal Ascot. Neben Hochzeiten der High Society und feierlichen Zeremonien hat der Zylinder auch bei den Pferderennen überlebt – weniger als Mode denn als gesellschaftliche Erwartung: ein Kleidungsstück, das den besonderen Anlass signalisiert, noch bevor das Rennen überhaupt begonnen hat. Auf der Rennbahn in Berkshire wirkt seine Höhe nicht mehr übertrieben, sondern vollkommen und geradezu exquisit angemessen.

Wie Ian Harding von Swaine London anmerkt, haben sich im Laufe der Zeit selbst die Materialien verändert. „Während die feinsten Zylinder des 19. Jahrhunderts häufig aus Seidenplüsch gefertigt wurden, wird dieses Material heute nicht mehr in kommerziellem Maßstab hergestellt. Hochwertiger Haarfilz gilt aufgrund seiner Strapazierfähigkeit, Formbeständigkeit und edlen Oberfläche inzwischen als anerkannter Standard für erstklassige Zylinder.“

In diesem Sinne ist das Modell nicht so sehr aus unseren Kleiderschränken verschwunden, sondern wird vielmehr für besondere Anlässe aufbewahrt — und nur hervorgeholt, wenn das Zeremoniell es verlangt, sei es beim Royal Ascot oder bei einer besonders formellen Hochzeit. Und so werden die Geschichten des Zylinders fortgeschrieben, wie eh und je — ein wenig unwahrscheinlich, ein wenig erhaben, aber stets hoch.

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