Eine Lobrede auf das Hotelbuffet
Leb wohl, süßer Frühstücksprinz. Wir werden dich vermissen.
- Text von: Sam Muston
Es entfaltete sich in mehreren Akten, wie eine Oper oder ein Fußballspiel. An jenem Morgen war ich früh heruntergekommen, weil mich meine Schlaflosigkeit früher aus dem Bett getrieben hatte, als es mir oder dem Hotelpersonal lieb gewesen wäre. Also schlurfte ich mit zerzaustem Haar und noch schlaftrunkenen Augen in den großen Salon der Villa Spalletti Trivelli in Rom und wartete darauf, dass das Frühstück begann.
Bald setzte eine kleine Prozession ein: Servierplatten und große silberne Eiskübel erschienen, nur um von Dienstmädchen, die ebenso müde wirkten, in einen angrenzenden Raum getragen zu werden. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Doch dann öffneten sich die Türen, als würde sich das Rote Meer teilen. „Das Frühstück ist angerichtet, mein Herr“, sagte das Dienstmädchen.
„Herrlich“, sagte ich. Und das war es auch – an der Rückwand stand ein langer, schmaler Tisch, darauf ein Frühstücksbuffet von unvergleichlicher Pracht. Es war das Italienischste, was ich je gesehen hatte. An einem Ende des Tisches stand eine Schüssel mit geschälten gekochten Eiern – ein Zugeständnis, wie ich annahm, an amerikanische Gäste. Und dann Kuchen, Reihe um dicht gedrängte Reihe. Zitronenkuchen; Marmeladentörtchen mit Teiggittern, so filigran wie die Schnitzereien eines Grinling Gibbons; kleine gläserne Türme mit Konfitüren, Eingemachtem und Schokoladenaufstrich, bei dem es sich womöglich einfach um geschmolzene Marsriegel handelte.
Es sah aus wie auf dem Feld des Güldenen Tuches – wenn dort alle an Diabetes gelitten hätten.

Jahrelang lebte ich so, in einem Rausch aus Kalorien und Völlerei. Ich hatte eine Restaurantkolumne in The Independent Newspaper, als es damals noch so hieß, und in seiner kleinen Schwester, dem i Paper, und schrieb über Reisen, wenn ich nicht gerade über Essen schrieb. Für ein warmes Abendessen reiste ich überallhin.
Doch je mehr ich reiste, desto mehr wurde mir klar: So wie man die Qualität eines Kochs an dem Abendessen erkennt, das er zubereitet, verrät das Treiben am Frühstücksbuffet eines Hotels viel über die Kultur eines Landes. Völlerei, Hochmut, Trägheit, Futterneid – zwischen 7 und 10 Uhr begegnet einem im Speisesaal das ganze Leben. Zumindest war das einmal so.
„An dem, was beim Frühstück in einem Hotel vor sich geht, kann man viel über die Kultur eines Landes ablesen …“
Mit düsterer Unausweichlichkeit scheint Covid-19 dem Frühstücksbuffet den Garaus gemacht zu haben. Seit Beginn des Ausbruchs vertreten Hotels vernünftigerweise die Ansicht, dass ein offenes Buffet geradezu nach Ärger schreit. Nachdem sich À-la-carte-Angebote bereits beim Mittag- und Abendessen durchgesetzt haben, halten sie nun auch beim Frühstück Einzug. Das zwanzigste Jahrhundert ist endgültig vorbei.
Es ist ja nicht so, dass Frühstücksbüfetts immer eine Augenweide gewesen wären. In Dallas stieß ich auf Eier, die aussahen wie in Pflanzenöl badendes Schuhleder. In Thailand sah ich den traurigsten Teller Würstchen meines Lebens – sie waren so blass und weich wie ein nur mäßig erregter Penis.

Doch selbst in solchen Situationen sorgte die schiere Vielfalt der angebotenen Speisen dafür, dass zumindest etwas Essbares dabei war. Und genau das macht einen Teil des Reizes eines Frühstücksbüfetts aus: Es gibt keine Einschränkungen – wie in einem Schwimmbecken ohne Bademeister, in das man springen, herumtollen und sich zum Narren machen kann. Es erlaubt Verhaltensweisen, die sonst als unschicklich, gierig und oft auch ein wenig gefährlich gelten würden (noch jemand einen fünften Pfannkuchen?).
Darüber hinaus ermöglicht es ein Minimum an Kontakt mit anderen Menschen, bevor man sich – je nach Vorliebe – mit Kaffee oder Bloody Marys wiederbelebt hat. Tatsächlich gelangt man mit nur fünf Worten vom Schlafzimmer zum Teller mit Eiern: Name, Zimmernummer und die Worte „Buffet, bitte“.
Das ist nicht nur für Sie von Vorteil. Es erspart auch dem Personal eines Fünf-Sterne-Hotels einigen Aufwand. Morgens schickt das Hotel seine Neulinge ins Rennen. Sie sind meist jung und verschwinden häufig, weil sie genau wie Sie einen Kater haben. Ich mache mir Sorgen um sie, wenn sie nun auf Zuruf pochierte Eier zubereiten müssen.
Sollte das Buffet nie wiederkehren, wäre das ein herber Verlust für Soziologen. Man konnte die Nationalität der anderen Gäste stets erkennen, noch bevor sie den Mund aufmachten. Die Nordamerikaner aßen ausnahmslos erschreckend süße Pfannkuchen; die Franzosen täuschten demonstrativ Abscheu vor dem Nutella-Aufstrich vor und versteckten dann etwas Speck unter einem Croissant; die Briten aßen einfach alles, was nicht niet- und nagelfest war, und wickelten sich trotzdem noch ein gekochtes Ei für später in ihre Serviette.

Es gibt gewissermaßen Hoffnung für all jene, die nicht tatenlos zusehen wollen, wie diese einzigartige Form des Speisens still und leise von der Bildfläche verschwindet – wie ich selbst bei einem Aufenthalt im Hotel De Crillon, einem der prächtigsten und zuvorkommendsten Hotels von Paris, feststellen durfte. Es war einen Monat vor seiner Schließung Anfang 2013, und ich verbrachte dort das Wochenende.
Ich ging außerdem in Nachtclubs. In ziemlich viele sogar. In der Samstagnacht machte ich schließlich Schluss und kam um fünf Uhr morgens auf mein Zimmer. Dort erblickte ich genau das, was jeder nach einer ausschweifenden Nacht bei seiner Rückkehr sehen möchte: die Frühstückskarte. In einem von Gier und Missverständnissen getrübten Zustand füllte ich die Karte aus und hängte sie an die Türklinke.
Um 11:30 Uhr wurde ich von einem Klopfen an der Tür geweckt. Drei Kellner schoben zwei riesige Servierwagen herein. Offenbar hatte ich „11.30 S’IL VOUS PLAIT“ auf die Karte gekritzelt und jedes Kästchen angekreuzt – außer dem für Croissants. Es gab alles, von Räucherlachs über mit Blattgold verzierte Blaubeeren bis hin zu Würstchen im Umfang eines halben Schweins. Die Rechnung entsprach ungefähr dem belgischen Bruttoinlandsprodukt.
Doch in diesen kurzen, schillernden Augenblicken zwischen dem Aufwachen und dem Blechen beim Auschecken war ich glücklich. Der Himmel auf Erden war diese Hotelsuite mit meinem ganz persönlichen Frühstücksbuffet. Und ich musste nicht einmal ein Ei in meiner Serviette verstecken, um es für später aufzuheben.
Leb wohl, mein süßer Frühstücksprinz. Du wirst mir fehlen.
Knurrt der Magen? Jeder Mann sollte wissen, wie man diese 5 Gerichte zubereitet …
Werden Sie Mitglied bei Gentleman’s Journal. Erfahren Sie mehr hier.