Der Tod des Volvo-Kombis
Das Kultmodell wurde eingestellt. Haben wir damit nicht mehr verloren als nur einen größeren Kofferraum?
- Text von: Joseph Bullmore
Von all den Schichten im Dschungel der Privatschule – den vielen wechselnden Rangstufen, die vom „Kind mit jeder einzelnen Pokémon-Karte und einem Budget für den Schulkiosk“ bis zum „großen Jungen, der Blätter sammelt und viel über die Gulags weiß“ reichten – stand für mich keine höher als diese: „Kind, dessen Eltern einen waldgrünen Volvo-Kombi mit rückwärtsgerichteten Sitzen im Kofferraum haben.“ Das war der Gipfel des ländlichen Landhaus-Chics der oberen Mittelschicht in den späten 1990er-Jahren (der seinerseits zweifellos den Gipfel der modernen Kultur darstellt).
Vergiss die Väter, die freitagnachmittags in ihren Midlife-Crisis-Astons und mit ihren verzweifelt coolen Oakleys vorfuhren; vergiss die Bullmores mit ihrem betagten Renault Mégane Scénic mit einem (nur einem!) Schiebedach und einem Kassettendeck, das ausschließlich Billy Joel’s Greatest Hits abspielte, Seite zwei. Der Volvo-Kombi war das, was man wollte: ein Moodboard auf vier Rädern aus Wachsjacken, stattlichen Hunden, gut eingespielten Cricketschlägern, Skiern auf dem Dach und schönen Müttern. Er war unaufdringlich und pragmatisch, weltgewandt, skandinavisch und preppy. Es waren immer die Internatsschüler mit ihren exotischen Elternhäusern in Wiltshire und ihren prächtig gedeihenden Verlustängsten, deren Eltern so einen hatten; nie die uncoolen, verweichlichten, verhätschelten Tagesschüler wie ich.
In den riesigen Kofferraum eines Volvo passten gefühlt 72 Labradore/Downe-House-Schülerinnen, oder man konnte bei der Preisverleihung von der hinteren Stoßstange aus eine Grillparty veranstalten. Freunde erlebten auf diesen rückwärts gerichteten Notsitzen ihren ersten Kuss. Manche Modelle hatten sogar kleine Telefone, über die man vom Kofferraum aus mit dem Fahrer sprechen konnte. Nach einer Feier zum 21. Geburtstag schlief ich einmal in einem goldfarbenen Exemplar – die Sitze ließen sich vollkommen flach umklappen, wie in der Emirates First Class mit Alkoholvergiftung. Wie seltsam, dass sich manche Dinge schon in so jungen Jahren im Gedächtnis festsetzen: kleine, bis ins Detail definierte Statussymbole, denen man schließlich für den Rest seines Lebens unbewusst hinterherjagt.
Wenn ich heute davon träume, ein Landhaus zu besitzen, dann nicht, weil ich ein großes Haus mit Swimmingpool, Tennisplatz, Orangerie und Zierteich haben möchte. Sondern weil ich möchte, dass ein Volvo-Kombi knirschend über die breite Kiesauffahrt und die gewundenen Alleen entlangfährt. Einer der wenigen Trostgründe dafür, Kinder zu haben, denke ich oft, ist, dass sie eine gute Ausrede sind, um bei eBay einen 850 Turbo von 1998 zu kaufen. (Außerdem wäre es gut, wenn sich jemand um das Landhaus kümmert, wenn ich nicht mehr da bin.)
Stellen Sie sich also meine Enttäuschung vor, als ich im vergangenen August las, dass Volvo den Verkauf sämtlicher Kombimodelle im Vereinigten Königreich mit sofortiger Wirkung einstellen werde. SUVs und „Crossover“ seien weitaus beliebter, sagte ein Sprecher (den ich persönlich ausfindig machte), und entsprächen eher dem modernen Geschmack und Lebensstil. Außerdem irgendetwas über Elektroautos und so weiter und so fort – und das natürlich völlig zu Recht. Dennoch fühlt es sich an, als ginge etwas verloren, wenn der König der Kombibauer keine Kombis mehr baut – so, als würde Pizza Express die American Hot von der Karte streichen. Volvo hat den Familienkombi praktisch erfunden, als das Unternehmen 1974 die 200er-Serie auf den Markt brachte: ein wuchtiges, wunderbar kantiges Modell, das Antiquitätenhändler – zweifellos die Königsdisziplin unter den Zielgruppen – wegen seiner 1.200 Liter Kofferraumvolumen geliebt haben sollen. Wegen seines massigen, „wie ein dänisches Sideboard aus der Mitte des 20. Jahrhunderts gebauten“ Designs erhielt es den Spitznamen „der Ziegelstein“, aber auch wegen seiner Solidität und Robustheit: 1976 zog die National Highway Traffic Safety Administration das Modell als höchstmöglichen Maßstab für Verkehrssicherheit in den USA heran. (Aus dem Spitznamen wurde „der fliegende Ziegelstein“, als der 240 Turbo sowohl die Tourenwagen-Europameisterschaft als auch die deutsche DTM gewann – offenbar sehr zur Überraschung selbst von Volvo.)
Eine Werbung für den Turbo Wagon aus dem Jahr 1988 zeigt das glänzende Auto auf einer futuristisch anmutenden Straße. Daneben fährt ein Lamborghini mit einem Pferdeanhänger. „Die Grundidee hinter dem Volvo Turbo Wagon“, lautete die Überschrift – im Grunde ein Supersportwagen, mit dem man umziehen konnte; das, was Autokenner wegen der brachialen Leistung, die sich unter seinem unscheinbaren Äußeren verbarg, als „Sleeper“ bezeichnen.
Dann kam der 850 (und später der V70, dessen Kanten etwas weicher waren), der den Volvo-Kombi endgültig zum Designklassiker machte – nicht zuletzt dank seines nahezu senkrechten, schnörkellosen Hecks. Zumindest meinem siebenjährigen Ich vermittelte es das Gefühl, nicht in einem Auto zu sitzen, sondern in einer Art modernistischem Wohnzimmer mit Panoramablick – nur dass man darin an den verdutzten Fahrern hinter einem die neuen, aufregenden Handzeichen ausprobieren konnte, die einem der ältere Bruder beigebracht hatte.
In Chuck Klostermans jüngstem Buch The Nineties vertritt der Autor (mit einem typischen Schulterzucken der Generation X) die These, dass die 1990er-Jahre das letzte Jahrzehnt waren, das in unserem kulturellen Gedächtnis klar umrissen und eindeutig präsent ist, und zugleich die Zeit, in der all das, was uns heute beschäftigt – das Internet, die politische Polarisierung, die Zersplitterung und das Verschwimmen der Kultur –, so richtig seinen Anfang nahm. Jahrzehnte, so argumentiert er außerdem, enden nie dann, wenn wir glauben, dass sie enden. Als ich in dem Buch über die frühen Internet-Chatrooms und Blockbuster Video las, verspürte ich denselben Stich wie bei der Nachricht vom Aus des Volvo-Kombis. Etwas Kleines, Eigenwilliges, das vielleicht keineswegs perfekt war, ist verschwunden und hat etwas Effizienterem Platz gemacht, das ein breiteres Publikum anspricht; etwas Klinischerem, Modernerem, Unpersönlicherem. SUVs und Crossover sind viel sicherer und umweltfreundlicher als alte, kantige Kombis. Außerdem sehen sie meist weitgehend gleich aus – eine Art internationaler, konturloser Rundlichkeit. (Ein großartiger Artikel des Magazins Road & Track aus dem Jahr 2021 fordert die Leser auf, Hyundais, Acuras, Volvos und BMWs ohne Markenembleme auseinanderzuhalten. Es gelingt ihnen nicht.) Sicherheit und Umweltfreundlichkeit sind natürlich offensichtliche Vorteile (obwohl ich den Witz gehört habe, dass man es ohnehin nicht bemerkt, wenn man ein paar Kinder verliert, sofern man genug davon hat, um einen Volvo-Kombi zu füllen).
Doch bei diesem Tausch geht auch etwas verloren; etwas, das beinahe zu unbedeutend ist, um ihm nachzutrauern, und gerade deshalb umso schmerzlicher. War das sinnliche Erlebnis eines Besuchs bei Blockbuster (einschließlich der Familienstreitigkeiten und des künstlichen Popcorndufts) nicht dem gedankenlosen Scrollen, der Unentschlossenheit und der gleichzeitigen Nutzung eines zweiten Bildschirms bei Netflix weit überlegen? Bereitet ein wackeliger, rückwärtsgerichteter Notsitz nicht mehr Freude als ein spritzgegossener, geschwungener Innenraum? Und wird heute noch irgendein siebenjähriges Kind durch die Rückleuchten eines neuen Volvo XC90 Plug-in-Hybrids auf eine lebenslange Reise voller Statusängste und ästhetischem Snobismus geschickt?
Dieser Artikel stammt aus der Winterausgabe 2023 des Gentleman’s Journal. Erfahren Sie mehr darüber hier.
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