Atlantiküberquerung: Warum bekommt New York keine Privatclubs hin?
- Text von: Joseph Bullmore
Robin Birley eröffnet einen neuen privaten Mitgliederclub in Manhattan, was für die alten Herren im Shepherd Market ungefähr so klingt, als plane man ein Test Match auf dem Mars. Wer hätte gedacht, dass es dort oben überhaupt die nötige Atmosphäre dafür gibt? An der Upper East Side ist die Stimmung derweil eher neugierig, ja geradezu kokett. Ein Finanzier, der aussieht wie Bill Gates (und fast dessen Kontostand hat) und in einer protzigen Maisonettewohnung über dem geplanten Club lebt, erzählt mir, seine Freunde und Geschäftspartner würden ihn ständig mit Fragen nach Neuigkeiten zu diesem neuen Laden löchern, so sehr sie sich auch bemühten, distanziert und gleichgültig zu wirken. „Sie hat das Fieber gepackt, so viel steht fest“, sagt er, und meint damit die englische Krankheit: jenes lebenslange Leiden, stets auf einer besseren, exklusiveren Sofagarnitur sitzen zu wollen; der nervöse Hürdenlauf von der Prep School zur Public School, zu Pop, zum Bullingdon, zur Hertford Street, zu White’s, zum Hurlingham, zum MCC, zum House of Lords – und immer weiter, immer höher hinauf, wo die Luft zunehmend dünner und feiner wird, bis hin zum schönsten Grab auf dem vornehmsten Friedhof.

Robin Birley in 1980. Image: Getty.
Vielleicht ist das gar nicht so überraschend. In letzter Zeit sind die Mentalitäten diesseits und jenseits des Atlantiks miteinander verschmolzen. Amerikas größte Stars sind inzwischen Engländer, und die Cotswolds sind voller umherirrender Amerikaner. In den Hügeln erklingen die Laute von Montauk. Da ist es nur folgerichtig, dass auch unsere New Yorker Vettern sich der letzten Sache annehmen, die die Engländer noch immer besser beherrschen als alle anderen: exklusive Clubs zu führen. Natürlich gibt es dort seit jeher Clubs wie den Harvard Club und den Yale Club. Und natürlich können sie Country Clubs durchaus gut, sofern einen das ganze türkisfarbene Lycra nicht stört. In den 2010er-Jahren schossen zudem unkonventionelle Lokale mit faszinierenden Alleinstellungsmerkmalen aus dem Boden – Kokain erlaubt; Babys erlaubt. Und ja, inzwischen gibt es überall Soho Houses – was, wie Sie feststellen werden, letztlich dasselbe bedeutet, wie wenn es Soho House nirgendwo mehr gäbe. Exklusivität kann nicht allgegenwärtig sein.
Der echte Privatclub – das platonische Ideal eines solchen; die unabdingbare Voraussetzung für jene Art von Mensch, die Dinge wie „unabdingbare Voraussetzung“ sagt – ist für die Bewohner Manhattans zumindest bislang ein schwer fassbares Wesen geblieben. In letzter Zeit gab es einige interessante Versuche. „Alle meine Freunde sind bereits Mitglieder im Zero Bond und wahrscheinlich auch im Casa Cruz“, sagt Bill Gates light und meint damit diese beiden schillernden, noch recht neuen Zugänge zur Szene. Doch diese bieten, so hat man den Eindruck, etwas ganz anderes als ihre Pendants in St James’s oder Mayfair. Im Casa Cruz kann man auch als Nichtmitglied einen Tisch reservieren (das Essen ist ausgezeichnet), und einmal bot mir ein Finanzheini an, mit mir um eine Nacht mit seiner Freundin Armdrücken zu machen. Ein Riesenspaß, aber eben kein richtiger Club, alter Knabe.
Zero Bond, was wie der zehnte Teil einer Jason-Statham-Reihe klingt, ist viel eher ein Nachtclub als ein Privatclub, obwohl Mitgliedsbeiträge fällig werden und zumindest pro forma eine Aufnahmeprüfung stattfindet. (Der Jahresbeitrag beträgt 3.850 Dollar, zuzüglich einer Aufnahmegebühr von 1.000 Dollar.) Ein New Yorker, der sich mit solchen Dingen auskennt, beschrieb ihn mir gegenüber als „ziemlich mau“. Zero Bond diente als Drehort für Succession, und Bürgermeister Eric Adams liebt den Club – er feierte dort 2021 seinen Wahlsieg und sitzt fast jeden Abend in dem Bereich, zu dem man nur per Laser-Fingerabdruckscan Zutritt erhält. Im Garrick würde das die Gicht gehörig auf Trab bringen.

Zero Bond
Zu den weiteren Anwärtern zählt das „überwiegend Mitgliedern vorbehaltene“ (hm) Sartiano’s, benannt nach Scott, dem Gründer von Zero Bond – ganz im Zeichen von Kaviarhäppchen und dem Warten auf die Kardashians. Dann wäre da noch das erschreckend große Aman Hotel, in dem ich letztes Jahr übernachtet habe und das einem im Grunde vorgaukeln will, man sei überall, nur nicht in Manhattan. Noch nie habe ich so viele Zähne gesehen. Als teuerstes Hotel und Spa der Stadt hat es vor Kurzem in seiner ausgehöhlten Weitläufigkeit einen privaten Mitgliederbereich eingerichtet, der 15.000 Dollar pro Jahr kostet (zuzüglich 200.000 Dollar im Voraus). Kann Kryotherapie Statusangst heilen? Wie dem auch sei: Ein Freund von mir, der zwischen London und New York pendelt, meint, der enorme Preis sei wahrscheinlich nur ein Aufhänger für die Presse, ein Schwindel. Einige Monate nach der Eröffnung des Clubs im Aman, so erzählt er, sei ihm eine Vollmitgliedschaft für einen Bruchteil des beworbenen Preises angeboten worden.
Was ist hier los? Warum bekommt New York ausgerechnet diese ganz spezielle Form der Gastlichkeit nicht hin? Ich sprach mit Dana Brown, der im Dezember für Air Mail eine besonders bissige Rezension über das Casa Cruz schrieb. In der Einleitung – einem kurzen Ritt durch die Geschichte des Themas – schilderte er, dass es „um die Wende zum 20. Jahrhundert fast 120 solcher Clubs in New York gab. Einige davon existieren noch immer, obwohl sie seit Jahrzehnten keine wichtige Rolle mehr im gesellschaftlichen Gefüge New Yorks spielen.“ Diesen schleichenden Niedergang – und den Unterschied zur Londoner Szene – führt er auf zwei Dinge zurück. Erstens darauf, dass London im Vergleich zu einer Stadt wie New York historisch gesehen eine miserable Restaurantlandschaft hatte. Wollte man also irgendwo ein ordentliches Steak essen, blieb man lieber bei dem, was man kannte, Abend für Abend – sprich: bei seinem Club. So erfüllte die Clubszene während der kulturellen Umbrüche des 20. Jahrhunderts weiterhin einen wichtigen, beständigen Zweck (und sorgte für regelmäßige Einnahmen). Noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass „in London alles unglaublich früh schließt“, so Brown. In New York, erinnert er uns, gibt es „Restaurants, die rund um die Uhr geöffnet sind, und Bars, die bis vier oder fünf Uhr morgens Getränke ausschenken“. Im Grunde kann man so lange ausgehen, wie man möchte. Die Stadt, die niemals schläft, und so weiter. Wenn es in London jedoch 23.30 Uhr wird, hat man die Wahl: Entweder drängt man sich bis drei Uhr morgens um den OKA-Couchtisch von irgendjemandem in einer Chelsea-WG, oder man geht an einen schönen Ort mit weichen Polstern, wo man den eigenen Namen kennt und auf dem Dach rauchen darf – ganz ohne die lästigen Begleiterscheinungen (Lärm; Grey Goose in Großflaschen) eines richtigen Nachtclubs. In New York gab es für dieses „Und wohin gehen wir jetzt?“ schlicht nie einen Anwendungsfall.

Casa Cruz
Ein dritter und letzter Grund könnte vielleicht in der eigentümlich angespannten Verfasstheit des britischen Bewusstseins liegen – einer Vorliebe für Ordnung und Abgrenzung, über die meist im Zusammenhang mit unserer Liebe zum Schlangestehen gescherzt wird, die aber subtiler in unserem Interesse an Clubs zum Ausdruck kommt. In Amerika gibt es das in dieser Form einfach nicht. Zum einen ist das Land schlicht zu groß, während Großbritannien überschaubar genug ist, um einen landesweiten Snobismus aufrechtzuerhalten. Wir neigen dazu, Menschen in Schubladen zu stecken. Wir wollen wissen, auf welcher Schule jemand war. Wir wissen, was der Akzent eines Menschen über ihn verrät. Wir haben ein sehr feines Gespür für Klassenzugehörigkeit – und für Menschen, die vorgeben, einer anderen Schicht anzugehören, als es tatsächlich der Fall ist. Besonders in London mögen wir eingeschworene Kreise, Aufnahmeverfahren und Hürden – Privatbanken, die Nigel Farage nicht als Kunden wollen; Tennisclubs, in die man nur einheiraten kann; Pubs, die ordentliches Guinness ausschenken und in denen es unmöglich ist, einen Tisch zu bekommen. Im Innersten ihres Verfassungsverständnisses glauben die Amerikaner daran, sozialen Aufstieg zu feiern, statt darüber zu kichern; sie schätzen gesellschaftliche Leistungsgerechtigkeit und nicht undurchdringliche Vetternwirtschaft. (Das ist einer der Gründe, warum ihnen der Sport so viel bedeutet.)
„Ich bin gespannt, wie sich Birleys Club entwickelt“, sagt Brown. „Vielleicht schafft er es ja irgendwie, wo andere gescheitert sind.“ Der neue Treffpunkt erstreckt sich über einen ganzen Häuserblock zwischen der 69th und 70th Street an der Madison Avenue. Er wird sich über zwei Etagen erstrecken und Maxime’s heißen, benannt nach Birleys Tante Maxime Le Bailly, der Comtesse de La Falaise, die in den 1960er-Jahren ein Star des Undergroundfilms war. Pierre Rougier kümmert sich um die PR, auch wenn er selbst es wohl kaum so nennen würde. Er ist der angesagte Kommunikationsguru, der meist Balenciaga, Louis Vuitton und Versace vertritt. Wir sind nicht mehr am Shepherd Market. Darius Namdar, zuvor im Mark’s Club und im The Twenty Two in London tätig und ein gewiefter Zigarrenkenner, wurde eingeflogen, um den Laden zu führen.
Entscheidend ist, dass Namdar Engländer ist. „Clubs sind so ziemlich das Einzige, was ihr Briten besser könnt als alle anderen“, sagt Billy Gates. „Genau genommen ist es das Einzige, was ihr überhaupt gut könnt.“ Ein Londoner, der unterdessen in zahlreichen Clubs verkehrt (5HS, Annabel’s, Oswald’s, Maison Estelle usw.), prahlt mir gegenüber damit, sich bereits eine Mitgliedschaft in „Birleys Ableger jenseits des großen Teichs“ gesichert zu haben. Für ihn ist das eine weitaus glänzendere Trophäe als bloß eine weitere Mitgliedschaft in London. „Da ist einfach viel mehr los“, sagt er, und außerdem habe ihm die Vorstellung von einer amerikanischen Ehefrau schon immer gefallen. Sollten viele weitere seinem Beispiel folgen, wäre das eine interessante Entwicklung. Über Nantucket heißt es bisweilen, es sei „englischer als die Engländer“. Ebenso könnte durch einen wahrhaft clubtauglichen Taschenspielertrick der begehrteste Londoner Mitgliederclub bald in New York liegen.
Dieser Artikel stammt aus unserer Frühjahrsausgabe 2024. Mehr dazu erfahren Sie hier.
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