
Wretch 32: „Gemeinsam bewegen wir Großes …“
Als Elder Statesman des schwarzen britischen Hip-Hop spricht Wretch 32 über die Höhepunkte seiner Karriere, seinen Track mit Little Simz und die enge Verbindung zwischen Mode und Rap.
- Text von: Jason Okundaye
Anfang der Nullerjahre betrat Wretch 32 eine Musikszene, in der schwarze britische Subgenres wie Garage, Grime und UK-Hip-Hop einen Boom erlebten. „Plötzlich tauchten Gruppen wie So Solid Crew und Künstler wie Dizzee Rascal auf“, erzählt er. Dabei schwirrt ihm sichtlich noch immer der überwältigende musikalische Reichtum durch den Kopf, der sich ihm nach seinem Schulabschluss eröffnete. Seine ersten musikalischen Gehversuche hatte er damit gemacht, für seine Freunde Verse zu schreiben und zu rappen sowie an einem großen Computer im Informatikraum Songs zu remixen. „Ich wurde immer besser, und so wuchs auch meine Liebe dazu.“
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Einige Freunde aus seiner Nachbarschaft in Tottenham hatten ein Kollektiv namens Combination Chain Gang gegründet und spielten ihre Songs beim Piratensender Heat FM. „Sie meinten: ‚Ja, Mann, wir wissen, dass du Texte schreibst und rappst. Mach bei uns mit, wir machen einfach Grime.‘“ Schnell wurde klar, dass es für Wretch, der mit bürgerlichem Namen Jermaine Scott Sinclair heißt, nicht bloß um Herumalbern und Spaß ging, sondern um etwas Ernsteres. „Ich arbeitete am Mixtape der Crew, an meinem eigenen Mixtape und an dem Mixtape, das danach erscheinen sollte. Jeder konnte sehen, dass ich es wirklich ernst meinte.“
Sieben Mixtapes und sechs Studioalben später (ein siebtes erscheint nächstes Jahr) ist Wretch zu einer Art Leitfigur der britischen Rap-Szene geworden. Er spricht mit mir aus den Londoner Büros von Def Jam Recordings, wo er seit 2020 als Kreativdirektor des Labels 0207 tätig ist. Der Weg dorthin war nicht leicht. Im selben Jahr, in dem Wretch sein erstes Mixtape veröffentlichte, bekam er mit 21 Jahren auch sein erstes Kind. Dadurch seien seiner musikalischen Arbeit zwangsläufig erhebliche finanzielle Grenzen gesetzt gewesen. „Den Kinderwagen kaufen, das Kinderbett besorgen oder das Video drehen. Man musste sich immer entscheiden. Du willst für dein Kind sorgen, aber andererseits willst du in die Karriere investieren, mit der du später für dein Kind sorgen kannst. Du steckst in der Zwickmühle.“ Er blickt ohne jede Bitterkeit oder Verärgerung auf diese schwierige Zeit zurück, dafür aber mit Stolz und Dankbarkeit.
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Obwohl die Chancen gegen ihn standen, florierte Wretchs Karriere weiter und nahm im Laufe der Zeit immer neue Formen an. Seine Musik gibt ihm das Gefühl, immer wieder neu durchstarten zu können: „Wir bekommen immer eine zweite, dritte und vierte Chance“, sagt er. „Am Anfang waren es ein paar Freestyles oder ein Mixtape, dann kamen ‚Traktor‘ (seine 2011 veröffentlichte Durchbruchssingle, die mit Gold ausgezeichnet wurde) und der ganze kommerzielle Erfolg.“ Im darauffolgenden Jahr arbeitete er mit Cheryl an „Screw You“ zusammen und gewann anschließend bei den BET Awards den Preis als Best International Act.
Da Wretch sich so sehr auf das Positive konzentriert, sagt er zunächst, dass er keinen Tiefpunkt in seiner Karriere ausmachen könne. Nach und nach denkt er jedoch darüber nach, wie enttäuscht er war, als er 2012 bei den MOBO Awards übergangen wurde. „Ich weiß noch, wie ich dachte: ‚Krass, ich hatte drei Top-Five-Singles, ein Top-Five-Album, habe Gold geholt – und kann bei der Preisverleihung für Schwarze Künstler nicht gewinnen?‘ Wahrscheinlich wurde ich nicht für einen Brit nominiert, weil sie dachten: ‚Wenn du bei euren eigenen Awards nicht abräumen kannst, bekommst du hier auch keinen.‘ Das fühlte sich also wie ein Tiefpunkt an. Im Nachhinein war es aber einfach etwas, das passiert ist. Ich habe angefangen, Musik zu machen, um einen Reload zu bekommen, nicht um einen Preis zu gewinnen. Wenn die Leute mir meine Texte entgegenrappen, ist das die Belohnung.“
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2015 folgte Wretchs mittlerweile berühmte „Fire In The Booth“-Session – ein sechsminütiger Freestyle-Rap in Charlie Sloths Sendung auf Radio 1Xtra, der auf YouTube mehr als 33 Millionen Mal angesehen wurde. „Das Besondere daran war, dass ich für ein gemeinsames Projekt einen Künstler ins Spiel brachte, den niemand kannte: Avelino.“ Wretch war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert, Avelino hingegen ein Newcomer. Ihm zufolge gefiel den Leuten der an Karate Kid erinnernde Wettstreit zwischen den beiden: „Daniel-san und Mr. Miyagi liefern sich ein lyrisches Duell.“ „Avelino haut eine irre erste Strophe raus, und man denkt sich: Mal sehen, ob Wretch noch mit den jungen Wilden mithalten kann!“
Mit der Zeit, den Veränderungen im Sound und dem Wechsel zwischen Mainstream und Underground entstehen Spannungen zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellem Erfolg. Wretch sagt: „Es wird immer Leute geben, die sagen: ‚Mir hat es besser gefallen, als du dies oder das gemacht hast.‘ Aber ich habe mich immer wertgeschätzt gefühlt. Wir kommen aus dem Underground, dann stellt sich ein gewisser Erfolg ein, und plötzlich kann man die Fahne hochhalten und die gesamte Szene repräsentieren. Für manche Künstler kann sich das wie eine große Last anfühlen, aber ich habe es als Ehrenzeichen getragen.“ Details zu seinem kommenden Album werden noch unter Verschluss gehalten, doch die frühe Single „Black and British“ mit der Mercury-Preisträgerin Little Simz deutet darauf hin, dass das Eintreten für das Schwarze Großbritannien und den urbanen Underground das Leitmotiv sein wird.
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„Black and British“ setzt sich mit Identität, Herkunft und Familie auseinander (sein Vater war während der Unruhen in Broadwater Farm als Aktivist tätig, und seine eigene Taufe war in einer Dokumentation von 1998 über die Broadwater-Farm-Siedlung zu sehen). Er sagt, der Track sei aus seiner Frustration über den britischen Rassismus entstanden – über den Windrush-Skandal von 2018 und die rassistischen Anfeindungen gegen die Fußballer Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka, nachdem sie im Finale der EM 2020 Elfmeter verschossen hatten. „Es ging darum, diese Frustration in etwas zu kanalisieren und herauszufinden, was ich sagen wollte: Was habe ich aus all dem gelernt? Und daraus entstand ein Gespräch darüber, was es bedeutet, Schwarz und britisch zu sein. Gibt es diese Identität überhaupt?“
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Wenn es so etwas wie eine schwarze britische Identität gibt, dann findet sie in den kreativen Branchen, mit denen Wretch zusammenarbeitet und die er fördert, treffend Ausdruck. Im Musikvideo zum Song trägt er einen blauen Anzug der britisch-jamaikanischen Designerin Bianca Saunders. Wretch ist außerdem für die schwarzen britischen Modelabels Labrum London und Ahluwalia über den Laufsteg gegangen – Momente, die er als „wunderschön“ empfand, insbesondere wenn er daran zurückdachte, dass seine ersten London Fashion Weeks 2011 und 2012 „nicht gerade der vielfältigste Ort“ gewesen seien. „Es erinnert mich irgendwie an meinen Durchbruch im Rapgeschäft, nur eben in der Modewelt – genau diese Energie spüre ich bei ihnen.“
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Er sieht diesen Aufbruch auch in anderen Branchen und glaubt, dass sie von Zusammenarbeit leben. Er würde liebend gern mit dem Künstler Yinka Ilori zusammenarbeiten, der für seinen bunten Farbeinsatz bekannt ist und dessen eigene Kooperation mit The North Face ihn begeistert hat. „Sein Kopf ist einfach der Wahnsinn!“, sagt Wretch. „Ich bin begeistert von Kunst, Slawn [Designer und Künstler Olaolu Slawn] ist im Kommen. Man muss sich das wie ein Netz vorstellen. Da sind Mode, Musik, The Kitchen und Supacell – also Fernsehen und Drama. All diese Dinge sind miteinander verbunden, und wenn wir sie zusammenbringen, können wir Großes bewegen.“
Dieser Beitrag stammt aus unserer Winterausgabe 2024. Mehr dazu erfahren Sie hier...
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