
Uhr(enmesse) der Woche: Vintage-Vacheron landet in London
Die traditionsreichste Uhrenmanufaktur der Schweiz lädt Sie in die Bond Street ein, um einige noch nie dagewesene Meisterwerke der Uhrmacherkunst zu bestaunen.
- Text von: Alex Doak
Der traditionsreichste Uhrmacher der Schweiz verdankt alles seinem schier grenzenlosen, vielseitigen Genie – und das seit fast drei Jahrhunderten: ohne Produktionsunterbrechung, ohne Neustart der Marke und ohne ein einziges Rebranding.
271 Jahre ununterbrochene Produktion und wirtschaftlicher Erfolg sind nicht Tradition und Nostalgie zu verdanken, sondern der ständigen Vorbereitung auf das 261. Jahr, dann auf das 262., 263. … Deshalb ist das lachsrosa Meisterwerk, das wir bereits im April vorgestellt haben, trotz seiner trügerischen Schlichtheit die perfekte Verkörperung seines Schöpfers Vacheron Constantin.
Und deshalb sollten Sie sich diese einzigartige, kompakte Auswahl an der Bond Street nicht entgehen lassen, die heute eröffnet wird: die Ausstellung „Explore All Ways Possible“ in der Mayfair-Boutique von VC.
“American 21” wristwatch,18K yellow gold, cushion-shaped case, white enamel dial, crown at 11 o'clock, Calibre RA 11’’’62, manual movement, 1921
Die Grundausstrahlung eines jeden Vacheron-Zeitmessers ist stärker lateinisch geprägt – ja sogar künstlerisch – als die seiner wenigen Zeitgenossen (Patek Philippe und Jaeger-LeCoultre et al. gelten, sagen wir, als eher „klassisch“). Diesen Esprit verkörperte bereits Jean-Marc Vacheron selbst, der 1755 sein Atelier auf einer Insel in der Genfer „Cité“ eröffnete – wo es sich noch heute befindet, ebenso wie etwas weiter die Straße hinunter eine im Kontrast dazu riesige, glänzende „Manufaktur“, die wie ein notgelandetes Raumschiff wirkt.

“Shutter” wristwatch,18K yellow gold, silvered grained dial, Calibre 9’’’94 VNP, manual movement, 1929
J-M V war eine Art Universalgelehrter mit Interesse an Literatur, Geschichte und Philosophie – und zugleich, in einem perfekten uhrmacherischen Zusammenspiel, fasziniert vom wachsenden Potenzial der Mikromechanik in Astronomie und Chronometrie sowie für die gute alte Zurschaustellung von Kennerschaft. Daher das Thema „Explore“ für diese historische Präsentation.

Wristwatch,18K yellow gold, silvered dial, Calibre 11’’’ 435/3C, manual movement, 1951
All diese Leidenschaften gingen auf Jean-Marcs Sohn Abraham und seinen Enkel Jacques-Barthélemy über und sorgten dafür, dass ihre kunstvoll verzierten Taschenuhren auf den neu entstehenden, weiter entfernten Märkten jener Zeit in die richtigen Hände gelangten.
"Chronomètre Royal" wristwatch, 18K yellow gold, silvered dial, Calibre 12’’’1/2- 1008, manual movement, 1953
Das Leitmotiv „Wenn möglich, besser machen – und es ist immer möglich“ – die andere Inspiration für den Titel der Londoner Ausstellung – tauchte erstmals in einem Brief auf, den François Vacheron an Jacques-Barthélémy Vacheron schrieb. Ersterer war ein brillanter Marketingexperte, der 1819 ins Unternehmen geholt wurde, während Letzterer besonderes Geschick darin bewies, das Familienunternehmen durch turbulente Zeiten zu steuern: zunächst durch die Französische Revolution, dann durch die Annexion Genfs durch Frankreich.
Overseas II wristwatch, stainless steel, blue dial, Calibre 11’’’ ½ - 1226, self-winding, 2015
Wie konnte sich das Familienunternehmen über Wasser halten, nachdem es von so vielen seiner wohlhabenden Kunden abgeschnitten war? Zum einen durch einen vorübergehenden Ausflug in die Textilbranche. Und durch Kirschbrand.
Vacheron Constantin mag zwar bei keiner der großen „Komplikationen“ der Uhrmacherkunst der erste Hersteller gewesen sein, doch ähnlich wie Apple – bekannt dafür, zunächst abzuwarten, bevor das Unternehmen im richtigen Moment die aufstrebenden Märkte für Personal Computer, MP3-Player oder Smartphones eroberte – hat die Manufaktur ihre Erfahrung genutzt, um „die Beste“ zu sein. Wer diese Woche den britischen Flagship-Store von VC besucht, wird dies anhand von gerade einmal acht meisterhaften Zeitmessern mehr als eindrucksvoll bestätigt sehen.

Hunting-case pocket watch, 18K yellow gold, White enamel dial, decorated case Calibre RA 20’’’ 75 - manual movement, 1904
Explore All Ways Possible ist geografisch, technisch und kulturell ausgerichtet. Die Weltoffenheit, die Vacheron seit jeher auszeichnet, die Teilnahme an Weltausstellungen und die Handelsreisen von François Constantin zu Beginn des 19. Jahrhunderts – all dies beflügelte die Kreativität der Maison in der Mikromechanik, bei den von Hand ausgeführten Verzierungen ihrer Komponenten und natürlich auch in der dekorativen Kunst, die sich in Form von Malerei, Emaille oder Gravuren auf der Außenseite entfaltet.

Pocket watch,18K yellow gold, Chinese lacquer decoration, Calibre RA 16’’’ 162 Manual movement, 1923
Für den Norden etwa die robusten Overseas-Modelle, für den Osten die mit Motiven fernöstlicher Kulturen verzierten Art-déco-Stücke. Der Süden wiederum weckte insbesondere den Bedarf an Uhren, die Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen standhalten konnten. Die Goldenen Zwanziger im Westen hingegen inspirierten extravagante Wall-Street-Modelle wie die American 1921 mit ihrem eigenwillig schräg gestellten Kissengehäuse.
Pocket watch, 18K yellow gold, ultra-thin, skeleton, diamond-paved bezel and bow, Harlequin-style mother-of-pearl dial, Calibre 9’’’ 1003 SQ, manual movement, 1978
Natürlich sind die neuen Uhren, die in den Vitrinen in der Old Bond Street 37 zu sehen sind, schon für sich genommen wahre Schätze. Doch erst im Kontext von 271 Jahren Fortschritt wird die tief verwurzelte Einzigartigkeit der Schweizer mechanischen Uhrmacherkunst wirklich begreifbar.
Gehen Sie hin und schwelgen Sie.
Die historische Ausstellung „Explore All Ways Possible“ kann vom 20. Juli bis zum 1. August kostenlos in der Old Bond Street 37 besichtigt werden; vacheronconstantin.com


