
Le Grand Bellevue ist Gstaad in seiner reinsten Form
Ein Ort voller Wärme und Ruhe: Gstaads zurückhaltendstes Hotel wirkt wie das stilvolle Zuhause eines alten Freundes.
- Text von: Joseph Bullmore
Gstaad. Es ist immer noch gsagenhaft. Allein die Aussprache des Wortes scheint einem etwas Wichtiges über diesen Ort zu verraten – ein wissendes kleines Achselzucken in Form eines Konsonanten. Schhhtaaad. Ein Wort, das man unmöglich aus voller Kehle rufen kann. So still wie ein schneebedecktes Tal. So weich und leicht wie Baby-Kaschmir.
Apropos: Ich versuche verzweifelt, im Zusammenhang mit dem Dorf das überstrapazierte Schlagwort „stiller Luxus“ zu vermeiden, denn selbst Schlagwörter sind zu laut. Doch Gstaad vereint beides mit natürlicher Souveränität. Der berühmteste Ort in Gstaad ist beispielsweise zwangsläufig zugleich der unbekannteste — der Eagle Ski Club, der von einer Art alpiner Omertà umgeben ist. Sofern man nicht nach einer rasanten Abfahrt vom Wasserngrat fröhlich in seine mondäne Atmosphäre gestapft ist, zählt er zu den letzten unbekannten Unbekannten der Hotellerie. Man weiß schlicht nicht, was man über diesen Ort nicht weiß.

Das ruhigste (und schönste) Hotel in Gstaad ist derweil zweifellos das Le Grand Bellevue – eine Art Seelentier des Ortes, gelegen in einem weitläufigen Privatpark abseits des Hauptboulevards. Verspielt und doch dezent. Kann Überschwang diskret sein? Das Hotel wurde 1912 in einer Art hochalpinem Stil erbaut – mit einem steilen Walmdach und gefälliger Symmetrie; die Stockwerke türmen sich hoch und stolz wie ein guter Strudel in Vanille-Sahne-Creme-Tönen.


Es ist ein Ort voller Wärme und Ruhe, und beim Betreten der Lobby fühlt man sich ein wenig, als würde man einen alten Freund in seinem prächtigen Landhaus besuchen (wenn auch einen, der es inzwischen zu einigem Wohlstand gebracht hat und nun mit Vorliebe Brunello-Pullover mit Schalkragen trägt). Prasselnde Kamine, tiefe Sofas, dicke Teppiche – und das Beste: eine kleine heiße Schokolade mit einem Keks dazu, die serviert wird, während man ganz entspannt durch den unkomplizierten Check-in geführt wird. Später am Abend spielte eine elegante Jazzband die Klassiker, während man in der gut bestückten Bibliothek auf tiefen Sofas am Kamin saß und sich blütenweicher Schnee auf den Fensterrahmen niederließ.

Im Obergeschoss sind die Zimmer ebenso prachtvoll – edle Hölzer, warme Farben und überall eine behagliche, wohlig umhüllende Üppigkeit. Genau nach einem solchen Ort sehnt man sich nach einem langen Tag auf den blauen Pisten. Besonders empfehlenswert sind vielleicht die Zimmer im Rundturm am Gebäudeflügel: Durch ihre Fenster eröffnet sich ein 270-Grad-Panorama über das Tal und hinauf zu den leuchtenden, festlich-gotischen Türmen des The Palace, dem markantesten Wahrzeichen der Silhouette von Gstaad. Mein Blick jedoch fiel auf eine kleine Blockhütte am Rande des Hotelgeländes. In ihren Fenstern spiegelte sich orangefarben das lodernde Feuer, während eine kleine Fahne duftenden Rauchs aus dem Schornstein stieg.

Wie ich bald erfahren sollte, ist dies Le Petit Chalet – eines der beliebtesten Restaurants des Grand Bellevue, in dem gerade einmal 18 Gäste rund um eine warme, flackernde Feuerstelle Platz finden. Spezialität des Hauses ist Fondue nach Art des Berner Oberlands – jenes gelbe Gold, auf dem sich ganze Volkswirtschaften aufbauen ließen. Der Favorit hier ist das Fondue «moitié-moitié»: eine ausgewogene Verbindung aus Vacherin und Gruyère, verfeinert mit einem mineralischen Weißwein aus dem nahe gelegenen Chasselas.
Zurück im Hotel verbindet das Hauptrestaurant Leonard’s die berauschende Eleganz der regionalen Küche mit italienischem Esprit – und das alles in einem einladenden, dezent beleuchteten Speisesaal. Besonders in Erinnerung bleibt ein hervorragendes Risotto namens „Le Caramelle“, bei dem geschmorte Kalbsbäckchen auf Hokkaidokürbis und einem Coulis aus Lenker Bergbleu thronen. Ebenso ein Apfelkuchen, serviert mit einem Klecks glänzender, cremefarbener Doppelrahmcreme aus Gruyère. Dieses Dessert ist vielleicht der Inbegriff stillen Luxus – jenes gefürchteten Begriffs, den die Gstaader schlicht „Leben“ nennen würden. Die allerbesten Zutaten vom allerbesten Ort in allerbester Gesellschaft. Dazu zwei Löffel. Einfach wunderbar, wie es für diesen Ort so typisch ist.


Le Grand Bellevue bedeutet natürlich so viel wie „der große, schöne Ausblick“ – zweifellos eine Anspielung auf das beeindruckende Panorama, das sich von der Vorderseite des Hotels über die Berner Alpen erstreckt. Doch schon nach zehn Minuten hier wird klar, dass die Schönheit nicht nur in der Aussicht liegt.
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